Aktuell

Eindeutiges Votum: Der Wilde Wald am Ernst-August-Kanal muss erhalten bleiben!

Unser Bürgerbegehren hat ein eindeutiges Votum der Menschen für den Erhalt des Wilden Waldes ergeben – auch wenn wir, vor allem aufgrund der Corona-Hemmnisse, die geforderten Unterschriften von 3% aller Wahlberechtigten im gesamten Bezirk Mitte nicht voll erreicht haben. Nun müssen die Politiker*innen des Bezirks entscheiden, ob sie den starken Bürger*innenwillen für den Erhalt des Wilden Waldes ernst nehmen.

Das war aufregend. Das bisher einzige Bürgerbegehren auf Wilhelmsburg „Der wilde Wald bleibt“ ist am Sonnabend, 1. August 2020 mit der Unterschriftenübergabe im Bezirksamt Hamburg-Mitte zu Ende gegangen. Wir müssen nun erst einmal wieder Luft holen und die vielfältigen Erfahrungen verarbeiten.

Viel Zustimmung für unser Anliegen gab es bei den Unterschriftensammlungen auf den Wilhelmsburger Wochenmärkten, volle Listen in den Restaurants und Geschäften vor Ort. Zustimmung auch in anderen Stadtteilen in Hamburg-Mitte – für den Erhalt von Bäumen, ganz grundsätzlich und selbstverständlich, selbst wenn die Menschen den Wald am Ernst-August-Kanal nicht kannten.

Doch ebenso begegnete unseren Unterschriftensammler*innen Unwissenheit und damit Ablehnung. Es scheint, als müssten Umweltbewusstsein und Wertschätzung der Natur in unserer Stadt nicht nur viele Politiker*innen und Planer*innen erst noch lernen; auch so manchen Bürger*innen gehen erst langsam die Augen auf für die grünen Kostbarkeiten vor der Haustür.

Wir sind überzeugt, dass wir durch viele, viele Gespräche und hartnäckiges Unterschriftensammeln einen guten Prozess in Gang gesetzt haben.

Die erforderliche Anzahl von etwas über 6.000 Unterschriften konnte nicht erreicht werden. Geschätzt (kurz vor der Abgabe) liegen wir bei ca. 4.000 – 4.500 Unterschriften. Genaue Zahlen wird dann die offizielle Auszählung des Bezirksamts ergeben.

Marco Schultz, Abschnittsleiter Wahlen und Abstimmungen beim Bezirksamt HH-Mitte, sagte dazu bei der Übergabe der Unterschriften am 1. August im Bezirksamt HH-Mitte: „Die Umstände für dieses Bürgerbegehren waren nicht leicht, und es war eine nie da gewesene Situation: Zum einen die Schwierigkeiten, Unterschriften zu sammeln in der Corona-Krise, in der es keine Veranstaltungen mit vielen Leuten gab. Zum anderen das hohe Quorum von 3% in einem Bezirk, der inzwischen über 300.000 Einwohner hat.“ Schultz erläuterte, bei einem neuen Bürgerbegehren wären die Unterschriften von nur noch 2% der Wahlberechtigten ausreichend. Ein Problem speziell in Wilhelmsburg ist auch der überdurchschnittlich geringe Anteil von Wahlberechtigten an der Gesamtbevölkerung. So durften viele Menschen, die das Anliegen unterstützen, nicht unterschreiben.

Herr Schultz sicherte uns zu, bei der Bewertung des Verfahrens würden die zuständigen Behörden alle besonderen Umstände würdigen.

Wir Waldretter*innen lassen uns sowieso nicht entmutigen. Nach einer kurzen Verschnaufpause geht es weiter auf verschiedenen Ebenen. Wir wollen die Bezirkspolitiker*innen davon überzeugen, wie bedeutend der Wald als grüne Lunge für das dicht bebaute Reiherstiegviertel ist und warum es so wichtig ist, den einzigen Wald des Bezirks zu erhalten. Zum Beispiel, weil hier auch Kinder einen ursprünglichen Wald erleben können, der sich seit beinah 60 Jahren ohne menschliche Eingriffe entwickelt hat. Die Bewohner*innen können die Vielfalt an Vögeln und Insekten erleben und sehen, welche Pflanzen sich in einem Pionierwald durchsetzen.

Dies alles ginge mit der Bebauung unwiederbringlich verloren, auch wenn die IBA GmbH verspricht, möglichst viele Bäume zu erhalten. Wie schwierig das ist, kann man an der Dratelnstraße sehen, wo erst einmal alles platt gemacht wird, bevor gebaut werden kann. Wenn überhaupt, dann blieben im „Spreehafenviertel“ einige einzelne Bäume stehen – mit einem Wald hätte das nichts, aber auch gar nichts mehr zu tun.

Marianne Groß/Sigrun Clausen

Fotos: Marianne Groß

Unsere Forderungen an die Verantwortlichen bei der Übergabe der Unterschriften:

Zeigen Sie uns, dass Sie gewillt sind, mit den Bewohner*innen Ihres Bezirks ernsthaft und auf Augenhöhe über die Entwicklung der Naturflächen und der Stadtteile zu verhandeln!

Zeigen Sie uns, dass Sie den Bürgerwillen ernst nehmen!

Anerkennen Sie, dass der Wilde Wald in Wilhelmsburg vielen, vielen Anwohner*innen Erholungsfläche, Wildnis, Rückzugsgebiet, Freiraum, Naturschatz und Naturschönheit ist!

Nehmen Sie zur Kenntnis, dass dies für alle Einkommens-, Bildungs- und Herkunftsschichten gilt!

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Das hat sich gelohnt!

Die Waldretter luden zum Müllsammeln im Wilden Wald
am Ernst-August-Kanal ein

Unsere Aktion: Erfolgreich Müll gesammelt

„Jetzt sieht man gleich viel besser, wie schön dieser Wald eigentlich ist“, sagte Waldretterin Regina glücklich, als sie sich nach getaner Arbeit noch einmal im Westteil des Wilden Waldes umsah.

Der Wilde Wald in Wilhelmsburg ist einer der ältesten Spontanwälder Hamburgs, möglicherweise sogar der älteste.

Eigentlich hatten die Müllsammler*innen sich vorgenommen, den Wald komplett bis zur Schlenzigstraße vom naturschädigenden Müll zu befreien – doch schon im Dreieick bis zur Georg-Wilhelm-Straße gab es so viel zu tun, dass bis zum Dunkelwerden erstmal nicht mehr ging.

Die Waldretter wollten mit der Aktion nicht nur dem wichtigen Pionierwald im Norden Wilhelmsburgs etwas Gutes tun – sie wollten auch darauf aufmerksam machen, dass dieses wertvolle Stück Stadtnatur akut von der Rodung bedroht ist. Denn dort soll nach dem Willen von Senat und IBA gebaut werden.

Seit dem Bekanntwerden der Pläne im Herbst 2017 kämpfen aktive Bürger*innen für den Erhalt des einzigartigen Waldes, der nach der Flutkatastrophe von 1962 in großen Teilen unberührt emporgewachsen ist. Eine solche spontane innerstädtische Waldentwicklung in mehr als 50 Jahren ist aus Naturschutz-Sicht eine Sensation!

Die Waldretter fordern den Erhalt des Waldes und ein grundsätzliches Innehalten in der chaotischen, ungesteuerten und naturvernichtenden Baupolitik der Stadt Hamburg auf Wilhelmsburg.


Vogelführung durch den Nachtigallenwald mit Andreas Zours:

„Wie, das alles soll weg, bis hierhin?“

Wer die Gegebenheiten vor Ort kennen gelernt hat, kann tatsächlich kaum begreifen, wie die Vernichtung eines solchen ökologischen Schatzes politisch gewollt sein kann.

Den Zilpzalp werden die TeilnehmerInnen der Waldretter-Vogelführung künftig sicher im allgemeinen Gezwitscher erkennen können – und vielleicht hören sie auch den Zaunkönig heraus. Letzterer nistet gerne im Wurzelwerk umgestürzter Bäume, wie sie nach den letzten Stürmen zahlreich in den Wäldern am Ernst-August-Kanal zu finden sind.

Dank der einzigartigen Art, wie Vogelkundler Andreas Zours die Vogelstimmen nachahmt und das Gehörte mit Anekdoten aus dem vielfältigen Verhaltensrepertoire der Vögel verbindet, vergingen zwei Stunden wie im Fluge. Während unsere kleine Gruppe sonntäglicher Frühaufsteher am Sonnteg (21. April) den Waldrand entlang schlenderte, flog ein Graureiherpaar über den Ernst-August-Kanal, und wir konnten einen actionreichen Kampf zwischen rivalisierenden Bläßrallen beobachten.

Die Nachtigall ist in diesem späten Frühling zwar noch nicht in den „Nachtigallenwald“ zurück gekehrt, nicht zu überhören war aber der Reviergesang der Singdrossel, mal unterbrochen vom Gezeter aufgeregter Blau- und Kohlmeisen, mal vom Flöten der Mönchsgrasmücken und Rotkehlchen. Wie zum Abschiedsgruß zeigte sich am Ende sogar noch ein Gimpel (Dompfaff) in knallrotem Sonntags- bzw. Hochzeitsstaat, der unter den gestrengen Augen seiner Gattin eifrig Nistmaterial in den Pappeln am Kanal sammelte.

Beim intensiven in den Wald hinein Lauschen öffnete der Spaziergang die Augen dafür, was auf den ersten Blick vielleicht nicht so ersichtlich ist: Welch ein vielfältig bewohntes Stückchen Natur hier über Jahrzehnte mitten in der Stadt gewachsen ist. Entsprechend stand einigen Teilnehmern das Entsetzen ins Gesicht geschrieben, als wir vom Deichübergang kommend die Schlenzigstraße erreicht hatten und damit einmal das gesamte Planungsgebiet Spreehafenviertel abgelaufen hatten: „Wie, das alles soll weg, bis hierhin?“, fragte eine Teilnehmerin ungläubig. Wer nicht nur auf einen Stadtplan geschaut, sondern die Gegebenheiten vor Ort kennen gelernt hat, kann tatsächlich kaum begreifen, wie die Vernichtung eines solchen ökologischen Schatzes politisch gewollt sein kann.

Impressionen vom Vogelspaziergang.

Fotos: Alexandra Werdes


Hamburgs Grün wird weniger: Wieder mehr Fällungen
von Straßenbäumen als Nachpflanzungen

NABU wertete Baumfällsaison 2017/2018 aus

Am 28. Februar endete die Fällsaison für Bäume in Hamburg. Der NABU Hamburg hat nun die Angaben zu den Fällungen in den sieben Bezirken ausgewertet, in diesem Jahr mit einem besonderen Blick auf die Straßenbäume.

Es ist wieder eine ernüchternde Bilanz. Der Trend der vergangen Jahre setzt sich fort, dass an Hamburgs Straßen immer weniger Bäume stehen.  In den letzten Jahren wurden pro Saison um die Tausend Bäume gefällt, in diesem Jahr sind es mit 946 ähnlich viele. In folgenden drei Bezirken wurden die meisten Stämme abgesägt: Altona (224), Mitte (187) und Bergedorf (140). 
Weitere Auswertung der Bezirke unten.

Der Verlust von Straßenbäumen, vor allem der Wegfall von älteren Bäumen, ist besonders beklagenswert.
Häufig fallen die Bäume Umbaumaßnahmen von Straßen zum Opfer. Wenn Straßen, Rad- oder Fußwege mehr Platz erhalten, ist für Ersatzpflanzungen an gleicher Stelle anschließend oft kein Platz mehr vorhanden.

Der Verlust von Straßenbäumen ist ein trauriger Beitrag zum Grünverlust in unserer Stadt.
Bäume tragen zur Lebensqualität und zur Gesundheit im Großstadtalltag bei. Sie brauchen Raum und
Pflege. Ihr Verlust schmerzt. Der NABU fordert deshalb auch mit Blick auf die Straßenbäume, dass Hamburgs Grün erhalten bleiben muss.

Die diesjährige Auswertung der aktuellen Fällstatistiken hat ergeben, dass etwa 2/3  der Fällungen
ältere Straßenbäume betreffen (gezählt wurden Bäume mit einem  Durchmesser des Baumstamms
über 30 cm auf 130 cm Höhe). Zwar sollen 633 Bäume wieder nachgepflanzt werden, also knapp 2/3 der gefällten Hölzer,  jedoch kann ein junger Baum einen alten mit großer
Blätterkrone in seinen ökologischen Funktionen und in seiner Wirkung im
Stadtbild nicht ansatzweise ersetzen. Er weist unter anderem nicht die  gleiche Robustheit
gegenüber Krankheiten und Luftverschmutzung auf wie ein alter, fest verwurzelter Baum. Und nicht jeder neu gepflanzte Baum wächst auch zwingend an. Das Risiko ist sehr hoch, dass heute
neu gepflanzte Bäume nicht mehr das Alter der jetzigen Straßenbäume erreichen
und sich damit langfristig sowohl die Stadtökologie als auch das bislang grüngeprägte Stadtbild verändert.
Daher ist es umso wichtiger, dass Straßenbäume erhalten bleiben und dieser Erhalt in der
Planung und Abwägung ein höheres Gewicht bekommt.

Wenn Bäume gefällt und ersetzt werden, muss zwingend darauf geachtet werden,
dass ausreichend Entwicklungsraum, insbesondere im Wurzelraum, eingeplant wird. Eine Pflanzgrube von mindestens 12m³ pro Baum ist dafür unter
anderem notwendig. Diese darf nicht aus Kostengründen kleiner geplant werden, sonst erreicht kaum ein junger Baum noch das Lebensalter seines gefällten Vorgängers.

Jeder von uns freut sich jetzt auf den Frühling und sehnt sich nach mehr Grün. Es ist daher tragisch,
dass immer mehr Bäume aus dem Straßenbild verschwinden. Insbesondere von alten Straßenbäumen profitieren die Stadtnatur und ihre Bewohner einschließlich wir Menschen. Für ihren Erhalt muss daher viel
mehr getan werden. Mit der ersatzlosen Fällung von Straßenbäumen fehlen wichtige ausgleichende Funktionen, die Bäume in der Stadt übernehmen wie zum Beispiel Lärmschutz
und Luftverbesserung. Ersatzpflanzungen an Straßenzügen reichen nicht aus, um den Verlust 1:1
auszugleichen. Der NABU fordert, dass der Wert von alten Baumbeständen erkannt wird und
entsprechend bei der Straßengestaltung erhaltend integriert wird.

Auswertung der Straßenbaum-Fällungen 2017/18 für alle sieben Bezirke Hamburgs:

Vordere Zahl: Fällungen/hintere Zahl: Nachpflanzungen

Bezirk Altona: 224 /126

Bezirk Bergedorf: 140/92

Bezirk Eimsbüttel: 110/47

Bezirk Harburg: 103/51

Bezirk Mitte: 187/174

Bezirk Nord: 58/58

Bezirk Wandsbek: 124/85

(Quelle: HamburgService Online-Dienste der sieben Bezirksversammlungen,
Fälllisten der Bezirke, Stand 06.03.2018)

Links:
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[1] http://www.NABU-Hamburg.de/Multitalent_Baum.jpg
[2] http://www.NABU-Hamburg.de/Baumfaellungen_1.jpg


„Dort hängen die Bäume voller Tränen“

Impressionen vom Flut-Rundgang am 17. Februar 2018

Gemeinsam mit der Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen erinnerten die Waldretter daran, dass der Pionierwald am Ernst-August-Kanal nicht nur ein wertvolles Stück Natur ist, sondern auch eine historische Bedeutung besitzt.

Flut-Rundgang am 17.02.2018. Foto: Heinz Wernicke

Die heutige Gestalt der Ufer und des Geländes rund um den Ernst‐August‐Kanal ist die unmittelbare Folge eines Ereignisses der jüngeren Wilhelmsburger Geschichte: Am Spreehafen brachen bei der Flut am 16./17. Februar 1962 mit entsetzlicher Schnelligkeit die Deiche. Wo heute der Park am Kanal ist, lebten damals Menschen in  Gartenlauben und Behelfsheimen, so tiefliegend, dass das Wasser nach den Deichbrüchen mit großer Macht einströmte wie in eine Badewanne. Eine Katastrophe, die zahlreiche Menschenleben kostete.

In der Folge wurden Teile des Überflutungsgebiets zu einem Park gestaltet, andere seit 1962 in Ruhe gelassen. So entstand unter anderem der naturbelassene Pionier‐Auwald.

„In dem Wald hängen die Bäume voller Tränen“, sagte Zeitzeugin Rita Wodniczak, „und auf jeder Träne steht ein Name.“ Wie viele ältere Menschen aus Wilhelmsburg kann sie sich noch genau an jene Nacht erinnern – und wie derzeit manch andere ist es ihr ein Anliegen, auf die besondere Geschichte des zukünftigen Baugrunds für das geplante „Spreehafenviertel“ aufmerksam zu machen. Ihrer Ansicht nach sollte der Wald als natürlicher Gedenkort unbedingt erhalten bleiben. Auf unserem Blog hat Rita Wodniczak dazu einen Offenen Brief an die Bebauungsplaner geschrieben.